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Bequem … eigentlich sollte diese Überschrift „Bequemlichkeit“ heißen, aber ich bin zu bequem

 

„Bequem zu sein bedeutet, keine Anstrengung verursachend, daher leicht und mühelos. Jedoch ist der leichteste und einfachste Weg nicht immer der beste Weg, oft ist es gut und richtig, Hindernisse und Blockaden energisch zu überwinden, egal, ob im richtigen Leben oder auf dem spirituellen Weg. Was ist bequem? …“Bequem“ ist ein Wort mit mehreren Bedeutungen: Es kann für etwas stehen, das das Leben erleichtert oder das sich ohne Mühe erledigen lässt. Etwas, das keinerlei Unbehagen verursacht, wird auch oft als bequem bezeichnet - Kleidung, Sitzhaltung etc. Menschen, die sich ihr Leben bequem einrichten, sollten darauf achten, nicht in Trägheit, Faulheit zu rutschen.

Auszugsweise zitiert nach: https://wiki.yoga-vidya.de/bequem

 Damit das Lesen bequemer wird, habe ich mir erlaubt, die Orthografie obigen Beitrags den gewohnten Schreibweisen laut Duden anzupassen – war einmal etwas unbequem, lohnt sich aber für den Leser.

Ach so, Gendering finde ich übrigens beim Schreiben und Lesen auch unbequem, entfällt also … im Denken macht es mir übrigens keine Mühe bzw. ist so verankert, dass es unbewusst passiert.

 Wie komme ich auf das Thema?

Ich gestehe, auch ich nutze WhatsApp … weil ich nicht die Energie hatte, mich zu widersetzen, es zu benutzen, weil so viele Freunde es nutzen und mich darum baten, es auch zu tun, denn es sei so bequem.Die Anfangsdiskussion verlief ungefähr so:

Ich: warum soll ich WhatsApp nutzen bei all den Sicherheitseinwänden, die man gegen WhatsApp anbringen kann?

Die Argumente:

·    Es ist so bequem, damit Bilder zu verschicken, direkt vom Smartphone aus

o Das kann ich auch mit Email. – nee, das ist viel umständlicher.

§ Hm, abgesehen von der automatischen Dateiverkleinerung, die mir damals noch gar nicht bewusst war, kann ich das nicht nachvollziehen.

·    Es ist so schön und bequem, emoticons zu verwenden

o Brauch ich nicht … ich kann schreiben

§ Nee, ist viel lustiger und bequemer mit so einem Bildchen – jaha, wenn sich Sender und Empfänger über die Bedeutung einig sind.
Da dem Amerikanischen entstammend, gibt es beispielsweise zwar „Crossing Fingers“, gleichbedeutend mit „Daumen drücken“. Wenn das der Empfänger jedoch nicht kennt, wurde hier jedoch aus Bequemlichkeit an falscher Stelle bei „Ich drück dir die Daumen“ = 23 Anschlägen gespart, um anschließend entweder die Tastenanschläge zur Erklärung doch zu brauchen plus dem blöden Gefühl, den anderen blamiert zu haben oder der Empfänger fühlt sich ggf. blamiert . Also semieffizient.

·    Ich habe SMS, das geht genauso schnell

o Da kann man keine Bilder kostenlos verschicken

§ Habe ich bisher nicht gebraucht

·    Wart’s ab

o Okay, ich bekenne, ich nutze die Option inzwischen … ´cause I can

o Immer unter dem Aspekt, dass WhatsApp/Google bekanntermaßen schon Bilder für eigene Zwecke genutzt hat. Übrigens völlig legal, ich stimme dem beim Abhaken der Geschäftsbedingungen zu. Fairerweise steht das sogar in einer Passage, die relativ am Anfang steht. Nur, seien wir doch mal ehrlich, die meisten lesen diese Geschäftsbedingungen doch gar nicht - viel zu unbequem. Sie klicken bei so etwas nur einfach auf „weiter“ … inzwischen muss man ja wenigsten einen Haken setzen, dass man es gelesen hat. Es fängt an, unbequem zu werden.
Einmal habe ich sogar schon erlebt, dass der Haken nicht reicht, sondern man zumindest die Seiten bis zum Ende gescrollt haben muss, um den Haken setzen zu können. Eine Lesekontrolle oder Abfrage findet noch nicht statt.

·    Gruppen sind toll, diese rege Kommunikation, so einfach und bequem

o Ich rede selten mit mehreren gleichzeitig und wenn, dann geht das mit Email auch

§ Ach, das ist so umständlich

§ ???

 

Es gab noch einige weitere Argumente, aber das soll hier weder ein Werbefeldzug noch ein bashing für/gegen WhatsApp werden … der Tenor ist erkennbar … egal, welche Vorwürfe man WhatsApp macht/machen kann: die meisten wissen darum, lachen dies weg und nutzen WhatsApp, denn es ist „so bequem“.

Und kostenlos … ich zahle mit meinen Daten? Blödsinn, wer soll schon etwas mit meinen Daten anfangen? … und dann gar von allen Usern? Das sind doch viel zu viele Daten, viel zu unbequem, das macht doch keiner. Nein, per Hand gewiss nicht … aber es sind Computer erfunden, die das ziemlich effizient beherrschen.

 

Diesem Einwand der Datenauswertbarkeit widerspricht ja wohl u.a. die zur Zeit umworbene App Yunar, die alle Kundenkarten vereint. Oh ja, wir sparen den Platz im Portemonnaie für die vielen Rabatt-, Bonus- und Kundenkarten – falls wir so etwas Antiquiertes wie ein Portemonnaie überhaupt noch bei uns haben und nicht sowieso alles per Smartphone verbuchen (und einen „Notgroschen“ in der Hosentasche bei uns führen).

Das Bequeme an dieser App: wir bekommen auf einen Blick gezeigt, wie viele Punkte wir noch bis zum nächsten Bonus im jeweiligen Geschäft brauchen. Also schnell noch was mitgenommen, denn dann gibt es etwas geschenkt. Dass wir eigentlich weder den Zusatzkauf noch das Geschenk wirklich brauchen, steht auf einem anderen Blatt.

Dank Yunar kann dann nicht wie bisher in Plastik*) nur der Anbieter einer Karte mein Kaufverhalten auswerten, sondern mein nahezu gesamtes Einkaufsverhalten kann wunderbar zentral vom Yunar-Anbieter ausgewertet werden. Und die Ergebnisse verkaufen, auf dass wir noch ein bisschen gläserner werden, noch passendere Werbung eingeblendet bekommen, noch ein bisschen mehr zu brauchen glauben … und irgendwann die Angebote für Kurse über Decluttering ins Haus schneien, wenn irgendein Algorhythmus erkannt hat, dass nun nichts mehr in unsere Wohnung passt.

Falls wir auch gleich noch online brokering über das Smartphone betreiben, weil es gerade so bequem ist, erkennt vielleicht auch ein anderer Algorhythmus, dass wir damit erfolgreich waren und statt auszumisten lieber umziehen sollten und schlägt somit gleich entsprechende Häuser zum Kauf vor. Ach, wie bequem ist es doch, das ganze Leben nach Vorschlägen vom Smartphone zu gestalten. Also hinein mit noch mehr Daten, damit es immer besser passt, immer bequemer wird, uns die Qual der Wahl abgenommen wird.

*) und möge bitte niemand argumentieren, dieses Einsparen von Microplastik sei sein Beitrag zur ökologischen Weltrettung.

 

Bequem sind so viele Dinge dank Digitalisierung – aber auch analog kann es bequem zugehen. Nehmen wir die vielen Convenience Produkte:

Zum einen erhalte ich sie ganz bequem zu jeder Tages- und Nachtzeit an der Tanke, zahle für meine schlechte Planung ein wenig (?) mehr als beim Discounter um die Ecke, aber Öffnungszeiten Montag – Samstag, zumindest in Berlin, von 7-22 Uhr sind ja auch wirklich knapp bemessen.

Convenience Produkte dürfen aber auch nicht zu bequem sein: sowohl der Backmischung müssen frische (!) Eier zugefügt werden (dies schon seit ihrer Einführung irgendwann Ende der 60er/ Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts) wie auch dem Tüten-Kartoffelpüree frische (!) Milch. Länger haltbar ist erlaubt und so bequem, kann man fast so lange lagern wie H-Milch, gilt aber als frisch und damit gesund.

 

Heißt das, dass „bequem“ nur so lange okay ist, wie es uns nicht das „Etikett“ selbstgemacht raubt?

 

Heute ist der 28.12. und der Verkauf von Silvesterfeuerwerken ist freigegeben. Was das mit Bequemlichkeit zu tun hat? Es ist eine Nachrichtenmeldung wert, dass der erwartete Umsatz – ich verkneife mir die Nennung des genannten Betrages – zwar auch teilweise mit traditionellen Feuerwerken und Böllern erzielt werden wird, der Trend zum Bequemfeuerwerk sich aber fortsetzt. „Bequemfeuerwerk“? Ja, in Reihe geschaltete Silvesterraketen, batteriegetrieben.
Vorbei die Zeiten, in denen man sich mit einer Wunderkerze am Boden niederhockte, um jeden Chinakracher einzeln zu zünden. Und wenn es 50 Pfenning extra gegeben hatte, dann folgte zum fulminanten Abschluss eine ganze Kette, auf einmal gezündet … ohne Batterie.
Einziger Vorteil bei Bequemfeuerwerken ist die wohl sehr niedrige Verletzungsgefahr … immerhin etwas.

 

Ist Bequemlichkeit der Anfang unseres Unterganges, wie ein mir bekannter Journalist behauptete? – Themenkonform müsste ich zu bequem sein, darüber nachzudenken, zumal ich wohl alt genug bin, davon nicht mehr betroffen zu sein

 

Einerseits hat uns die Bequemlichkeit viele geniale Erfindungen beschert. Haben wir es damit übertrieben und landen wir bei Goethe mit seinen gerufenen Geistern, die er nun nicht mehr los wird?

 

Der gerade in Leipzig tagende CCC (Chaos Computer Club) machte darauf aufmerksam, dass allein das ständige Anlassen des PCs Unmengen von Strom verbraucht – aber es ist ja so bequem, den Rechner 24/7 anzulassen, damit man jederzeit möglichst schnell und bequem weitermachen kann.

Auch die Option des Multitaskings, eine inzwischen selbstverständliche Fähigkeit eines PCs, verführt dazu, immer alle eventuell benötigten Anwendungen einmal geöffnet, in diesem Zustand zu belassen und Energie verbrauchen zu lassen … manchmal zahlen wir ja doch direkt.

Da PCs meist am Stromnetz hängen, hat dieser deutlich erhöhte Stromverbrauch keine direkten Auswirkungen auf meine Bequemlichkeit. Am Smartphone ist das schon anders, deshalb gibt es auch Apps, die auf aktive Stromfresser hinweisen, um mich vor zu baldigen lästigen, unbequemen Aufladenmüssen zu bewahren.

In diesem Zusammenhang wurde seitens CCC auch darauf hingewiesen, dass nicht jedes Textverarbeitungsprogramm gleichermaßen viel Strom verbraucht – soll ich mich jetzt wirklich mühsam mit diesen Hintergründen beschäftigen oder warte ich nicht viel bequemer, bis mir die erste Werbung mit einer Energieffizienzklasse A+++ für eine bestimmte Textverarbeitung eingeblendet wird?

 

Aber können wir es volkswirtschaftlich überhaupt verantworten, weniger bequem zu sein? Wenn wir nicht mehr mit unserem SUV ins Sportstudio fahren, um dort auf einem Laufband die 10.000 Schritte zu absolvieren, die ja angeblich so gesund sein sollen, sondern diese einfach benötigen, um ohne Auto und ÖPNV von A nach B zu kommen, entfällt der alljährliche Vorsatz zum Jahreswechsel, regelmäßig ins Studio zu gehen.

Wenn wir weitere Strecken mit dem Fahrrad absolvieren – und ich meine die ITS-Modelle („ich trete selbst“), keine e-bikes oder deren kleine Brüder e-Scooter – dann entfällt der Spinning Kurs jeden Mittwoch um 19.30 Uhr. Wenn das alle konsequent umsetzen, dann:

·    müssen die Sportstudios schließen,

·    der Beruf des Sport- und Fitnesskaufmanns, 2001 als anerkannter Ausbildungsberuf eingeführt, wird weitestgehend hinfällig

·    die Arbeitslosenzahlen steigen

·    ein Großteil der Fashionlabels muss sich gewaltig umstellen

·    ganze Sporthausketten müssen Konkurs anmelden

·    viele YouTube Kanäle verlieren ihre Daseinsberechtigung

·    etc etc etc

 

 

Andererseits: wie verhalten sich Bequemlichkeit und Professionalität?

Ich erwarb neulich eine Akku Bohr- und Schraubmaschine … weil ich zu bequem war, die Schrauben per Hand einzudrehen und Akku, um nicht immer mit dem Kabel hantieren zu müssen. Schuldig im Sinne der Anklage.

Aber mir wurde, um professioneller arbeiten zu können, ein Quick Change Adapter angeboten, der das Wechseln der Schrauber-Bits und Bohrer erleichtert. Nein, nicht bequemer macht. Nun, für mich schon.

Aber beim professionellen Einsatz solcher Geräte geht es ja wirklich um Zeit, denn Zeit ist Geld. Außerdem hilft es, das anstrengende Handwerk zu erleichtern.

Ist bequemer dann akzeptabel, wenn es zu Professionalität führt bzw. professionell genutzt, Zeichen dieses Profitums ist?

Denn Zeichen von Profitum sind uns wichtig – oder würden Sie nicht ein wenig irritiert schauen, wenn Ihr Hochzeitsfotograf mit einer kleinen Systemkamera zur Feier des Tages anrücken würde? – da erwarten Sie doch auch eine große Ausrüstung. Als Zeichen des Profitums. Und sei es noch so unbequem für den Fotografen. Er bekommt ja schließlich genug Geld für seine Leistung.

 

Stichwort Profitum: Blinkist (wir wenden uns weiterhin der digitalen Welt zu) suggeriert, wenn man wie erfolgreiche Manager, pro Jahr die Inhalte von 60 Fach- und Sachbüchern kennenlernt, wird man selbst auch erfolgreicher. Also hören und lesen Millionen deutschsprachiger Nutzer dieser App eines Berliner Unternehmens für jeweils 15 Minuten eine Zusammenfassung der Kernaussagen eines Sachbuches … aktuellen Erscheinungsdatums oder auch Klassiker.

Ist, wer diese App nutzt, erfolgsorientiert, an Effizienz interessiert, bequem oder nur auf einen Trend hereingefallen?

(Abstracts in Printform sind seit Jahrzehnten bekannt und waren teilweise in 8 Minuten zu lesen.

Die Idee ist also nicht neu, die Umsetzung einfach zeitgemäß.)

 

Einmal auf dieses Thema gestoßen, fallen mir viele kleine und auch größere Aspekte auf, die immer wieder auf das Stichwort „bequem“ zurückführen. Waren wir schon immer bequem und fällt es inzwischen nur mehr auf, weil es offensichtlicher und mehr wird, weil es der Fortschritt möglich macht?

Ist „bequem“ zu verdammen oder zu genießen?

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit, wie so oft, in der berühmten Mitte und ich verweise auf einen Satz aus der Einleitung: „Menschen, die sich ihr Leben bequem einrichten, sollten darauf achten, nicht in Trägheit, Faulheit zu rutschen.“ (bequem mit copy + paste eingefügt.)